Die erste Nachkriegszeit
In Deutschland hatte Konrad Zuse, wie wir heute wissen,
der Informatik den Weg gewiesen. Die Zeitumstände führten
aber dazu, daß seine Ansätze zunächst wirkungslos blieben.
Nach dem Krieg waren sie in doppelter Hinsicht überholt: Elektronenröhren
verdrängten die Relais, das Konzept der speicherprogrammierten universellen
Maschine ließ der Schleifensteuerung Zuses keinen Raum
mehr. Folglich blickten einige interessierte Mathematiker und Physiker
eher nach den USA, wie AlwinWalther in Darmstadt, oder nach England,
wie Ludwig Biermann in Göttingen. Fr. A. Willers
und N. Joachim Lehmann in Dresden hatten es dabei schwerer.
Auch in Zürich, wo die über den Krieg gerettete Z4 von Zuse
arbeitete, orientierten sich Stiefel, Speiser und Rutishauser
nach Princeton. In München ergab sich eine Zusammenarbeit
zwischen dem Nachrichtentechniker Hans Piloty und dem Mathematiker
Robert Sauer. Allerorten ging es zunächst darum, selbst
Maschinen zu bauen. Die unter maßgeblicher Beteiligung von Heinz
Billing in Göttingen und von Hans Piloty in München
erfolgreich gebauten Rechenmaschinen bildeten die Basis für eine Entwicklung
der Programmierungstechnik. War man anfangs froh, wenn die Maschinen überhaupt
funktionierten, und stellte man manche Entwurfskriterien in geradezu lächerlicher
Weise unter den Zuverlässigkeitsaspekt, so stellte sich bald heraus,
daß es die Programme waren, die schwierig fehlerfrei zu erstellen
waren. Programmierungshilfen waren nötig; dem Vorbild der EDSAC
von Maurice Wilkes folgend, zog man nach Möglichkeit die Maschine
heran, um Programme zu erstellen. Neben der numerischen Informationsverarbeitung,
die ja den Anstoß gegeben hatte, wandte man sich damit mehr und mehr
nichtnumerischen Aufgaben zu. Dabei kam eine Fülle von algebraischen,
kombinatorischen und formallogischen Problemen auf. Es entstanden erste
Ansätze einer Theorie der formalen Sprachen.
In München entwickelten Friedrich
L. Bauer und KlausSamelson, ausgehend von der von
Heinz Rurtishauser 1951 behandelten Übersetzung algebraischer
Formeln in Maschinencode, 1955 das Kellerprinzip
der Verarbeitung von Zeichenreihen, das sich bald als geeignetes Mittel zur Übersetzung einer ganzen Klasse formaler Sprachen, nämlich solcher mit geschachtelter Struktur, herausstellte. Sie suchten nach internationaler Zusammenarbeit: Mit Zürich, wo Heinz Rutishauser schon 1951 die Übersetzung geklammerter Ausdrücke untersucht und ein Organisationsschema zur automatischen Speicherversorgung für autonome Unterprogramme ersonnen hatte, das später von Samelson zum Prinzip der Blockstruktur ausgebaut wurde; mit Novosibirsk, wo A. A. Lyapunov und Andrej Ershov die Operatorstruktur von Programmen entdeckt hatten; mit Amsterdam, wo E. W. Dijkstra die Behandlung der Rekursion studierte; mit Stanford, wo John McCarthy arbeitete, der zusammen mit Newelldie Geflechtbildung von zusammengesetzten Objekten mittels Adreßverweisen eingeführt hatte, womit sich in München Heinz Schecher beschäftigt hatte. Große Aufmerksamkeit fand in München das auch von Alan Perlis in Pittsburgh und von Heinz Rutishauser studierte Problem der Parametrisierung von Programmen; die verschiedenen Möglichkeiten der 'Parameterübergabe' zeigten erstmals, daß die Semantik der Programmierung nicht trivial ist.
Diese Zusammenarbeit erfolgte zum großen Teil in der internationalen
ALGOL-Aktivität.
Chancen für die Informatik
All das deutete auf das Entstehen einer neuen wissenschaftlichen Disziplin,
ohne daß absehbar war, wie selbständig sie werden würde.
Bottenbruchs Darmstädter Dissertation von 1958 über
Formelübersetzung wie auch Seegmüllers Münchner
Dissertation von 1966 über Parameterübergabemechanismen
liefen äußerlich noch unter der Flagge der Mathematik.
Einen großen Auftrieb erhielten die Selbständigkeitstendenzen
durch die internationale ALGOL-Aktivität. Bei der Definition
einer benutzernahen und
maschinenunabhängigen Programmiersprache durch eine internationale
Arbeitsgruppe traten viele Probleme der aufkeimenden Informatikins
Bewußtsein. Um 1962 schien sich an einigen Orten eine Chance
für die Informatik abzuzeichnen. Als in diesem Jahr Bauer und
1963 Samelson nach München berufen wurden, kamen sie mit Sauer
überein, am Aufbau der Informatik zu arbeiten. Als wichtigste Vorbereitung
sahen sie die Heranbildung eines geeigneten Stabes von Dozenten und Mitarbeitern
an. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft war bereit, dies durch Forschungsbeihilfen
zu unterstützen. Auf diese Weise konnten sich Richard Baumann,
Josef Stoer, Stefan Braun, PeterDeussen, Hans Langmaack, Manfred
Paul, JürgenEickel,
später auch Gerhard Goos, Gerhard Seegmüller, Peter
Kandzia auf die Hochschullehrerlaufbahn vorbereiten.
Auch an anderen deutschen Stätten nahm man sich einen solchen Aufbau
vor.
An der Technischen Universität Berlin hatte schon 1957 F. R.
Güntsch eine Vorlesung "Programmierung digitaler Rechenanlagen"
gehalten. Jetzt wurde an der Universität Bonn im Sommersemester
1967 durch WilfriedBrauer
erstmals eine einschlägige Vorlesung "Algorithmen und formale Sprachen"
gelesen. Der Übergang vom bloßen Programmierkurs zu ersten echten
Vorlesungen über den Aufbau und die Programmierung von
Rechenanlagen vollzog sich mehr oder weniger rasch überall, wo man
mit Rechenanlagen ausgestattet war.
Die Einführung des Studiengangs
Das Jahr 1967 sehen wir in München als Geburtsjahr
einer akademischen
Informatik an, als im Wintersemester ein Studiengang Informationsverarbeitung
mit einer entsprechenden Studienordnung eingeführt wurde. Dieser Studiengang
wurde den Studierenden der 1. und 3. Semester als Alternative zu den klassischen
Diplom-Studiengängen Hauptfach Mathematik mit Nebenfach
Physik und Hauptfach Mathematik mit Nebenfach Wirtschaftswissenschaften
angeboten. Die TU München war damit die erste deutsche Hochschule,
die einen Studiengang Informatik anbot.
Die Nachbarschaft
Seit 1964 war das Leibniz-Rechenzentrum der Bayerischen Akademie der
Wissenschaften dem Kern der Informatik in Personalunion verbunden und
unterstützte das um die PERM herum betriebene Rechenzentrum der Technischen
Hochschule. Letzteres deckte nicht nur Kapazität in Rechnerübungen
ab, sondern war auch die Keimzelle für den Aufbau einer Gruppe Technische
Informatik durch Heinz Schecher. Eine besondere Gruppe Theoretische
Informatik zu formieren, war innerhalb einer Fakultät
für Mathematik und Informatik nicht nötig, wohl aber ist
die Bereitschaft der
Numeriker, Kombinatoriker, Algebraiker und Geometer, sich auf die Bedürfnisse
der Informatik einzustellen, anerkennend hervorzuheben.
Überregionales Forschungsprogramm
Am 26.4.1967 verabschiedete ein Ausschuß des Bundeskabinetts das
1. Datenverarbeitungsprogramm der Bundesregierung. Es sah für
die Zeit von
1967-1971 Zuschüsse von 230 Mio. DM für Forschungs-
und Entwicklungsarbeiten über Technologie und Systemprogrammierung
von DV-Anlagen vor. Zwar waren diese Mittel in erster Linie für die
Industrie bestimmt, jedoch gelang es, auch für die Wissenschaft etwas
abzuzweigen: "In Einzelfällen wird eine Beteiligung von Hochschulinstituten
und ähnlichen Forschungseinrichtungen möglich sein. Dies gilt
beispielsweise für Arbeiten auf dem Gebiet der Informations-
und
Automatentheorie, über Übersetzungsalgorithmen für formale
Sprachen, Zeichen- und Bilderkennung, Sprach-Ein/Ausgabe und über
Linguistik und Übersetzer für natürliche Sprachen."
1969 verabschiedete ein vom Präsidenten der Kultusministerkonferenz
berufener Fachausschuß Informatik, dem von Seite der Professoren
Bauer, Hotz, Piloty und Zemanek angehörten,
eine Rahmenordnung für die Diplomprüfung in Informatik. Mittlerweile
hatte der Bundesminister für wissenschaftliche Forschung einen ad-hoc-Ausschuß
"Einführung von Informatik-Studiengängen" eingerichtet, und erklärte
am 22. Juli 1968, die Bundesregierung erwäge, Sondermittel
für die Einrichtung neuer Lehrstühle der Informatik und den Ausbau
oder Neubau von Instituten zur Verfügung zu stellen. Aus verfassungsrechtlichen
Gründen konnte dies jedoch nur als Förderung der
wissenschaftlichen Forschung von überregionaler Bedeutung durchgeführt
werden. Der ad-hoc-Ausschuß entwickelte also ein Forschungsprogramm,
das 8 Forschungsgebiete vorsah und an 12 bis 15 Hochschulen
ein Studium der Informatik in Gang bringen sollte ("Überregionales
Forschungsprogramm Informatik"). München war selbstverständlich
darunter.
1966 war ein Forschungsvorhaben "Elektronische Rechenanlagen und
Informationsverarbeitung" an der Technischen Universität
München in den Schwerpunktskatalog des Wissenschaftsrats aufgenommen
worden, der die Grundlage für die gezielte Förderung der wissenschaftlichen
Forschung an den deutschen Hochschulen bilden sollte, die später als
Sonderforschungsbereich-Programm der DFG übertragen wurde. Mit einiger
administrativ bedingter Verzögerung begann 1971 die Arbeit des
Sonderforschungsbereichs 49, unter Einbeziehung des Leibniz-Rechenzentrums.
Es war der erste und für lange Zeit der einzige Sonderforschungsbereich
für Informatik. Dieser Sonderforschungsbereich mit dem Zentralthema
Systemprogrammierung und Programmierungstechnik im Sinne des
angelsächsischen software engineering wurde zum Bindeglied
zwischen den
einzelnen Aktivitäten der Münchner Fachvertreter.
Informatik und das Mathematische Institut
Bis 1975 bot den organisatorischen Rahmen für den Aufbau der Münchner
Informatik das Mathematische Institut der TUM, in dem Zug um Zug sechs
Informatik-Ordinariate mit ihren Mitarbeitern und Sachmitteln eingerichtet
wurden. Erst bei der durch das Bayerische Hochschulgesetz im Jahre 1975
vorgeschriebenen Neugliederung der TUM wurde die enge Bindung zwischen
Mathematik und Informatik formal gelockert. Es erfolgte eine Aufteilung
in ein Institut für Mathematik und ein Institut für Informatik.
Beide hatten, wie bisher, den Charakter eines Departments ohne personen-
und lehrstuhlbezogene Untergliederung. Dementsprechend gab es auch keine
Bindung der Lehrveranstaltungen an Ordinariate oder Personen; der Begriff
Lehrstuhl war entbehrlich. Ebenso verteilten sich auch die Mitarbeiter
hinsichtlich des Unterrichts - unbeschadet persönlicher Betreuungsverhältnisse
für ihre
wissenschaftlichen Arbeiten - auf die einzelnen Veranstaltungen jedes
Semesters. Um diese moderne Organisationsform wurde die Fakultät für
Mathematik und Informatik gelegentlich beneidet, in geeigneter Weiterentwicklung
ist sie heute noch in Kraft.
Internationale und nationale Beziehungen und Veranstaltungen
Besonderen Wert legte die Münchner Informatik stets auf internationale
Beziehungen und Veranstaltungen. 1962 hielt die IFIP ihren zweiten
Weltkongreß in München ab, 1985 fand die 25th AnniversaryCelebration
der IFIP an der Technischen Universität München statt.
Seit 1970 wird regelmäßig mit Mitteln aus dem Wissenschaftsprogramm
der NATO die Internationale Sommerschule in Marktoberdorf veranstaltet.
Zu einem Zeitpunkt, als noch keine kommerziellen Gruppierungen die Nachschulung
in der Praxis stehender Informatiker unternahmen, war auch die Abhaltung
von Fortgeschrittenenkursen mit internationaler Dozentenschaft (unterstützt
durch die OECD) besonders wichtig.
Schon bei der Gründung der Gesellschaft für Informatik gaben
Münchner
Informatiker wichtige Impulse. Die erste Jahrestagung der GI
fand 1971 in
München statt; eine Reihe weiterer GI-Tagungen folgte.
Die Hilfestellung der Münchner Informatik bei der Gründung der Fachmesse SYSTEMS führte zu einer langjährigen Verbindung mit der Münchner Messegesellschaft. Daraus entwickelte sich eine Serie von Fachseminaren und die Veranstaltung von GI-Kongressen im zweijährigen Turnus als Teil der SYSTEMS.
Informatik-Seminare hatten auch von Anfang an wesentlichen Anteil an
den
von der Technischen Universität München und von der
Universität
Erlangen-Nürnberg gemeinsam durchgeführten Ferienakademien
im
Sarntal.
Weiterer Ausbau
1982 wurde dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht
und Kultus ein zweiter Ausbauplan für die Informatik vorgelegt, der
eine Erhöhung der Anzahl der Ordinariate von inzwischen 7 auf 10
vorsah. Hinzu kam ein Stiftungsordinariat vom Förderkreis "Neue Technologien"
des Landesverbands der Bayerischen Industrie. 1986 wurde ein dritter
Ausbauplan für die Informatik vom Senat der Technischen Universität
München verabschiedet und dem Bayerischen Staatsministerium für
Unterricht und Kultus vorgelegt - er sieht einen Endausbau auf 18 Ordinariate
vor. Nach wie vor gültige Gründe für diese Erweiterung sind
einerseits die Bedürfnisse einer weitgefächerten Forschung, andererseits
die Studentenzahlen: die Studienrichtung Informatik ist zur drittgrößten
an der TUM geworden.
Inzwischen sind aber auch Verstärkungen der Forschungsaktivitäten durch Sonderforschungsbereiche der DFG und durch die universitätsübergreifende Forschungsverbunde SFB 331, SFB 342, FORWISS und FORTWIHR erfolgt.
Damit war der Schritt zur eigenständigen Fakultät im Jahr
1992 nur
konsequent, bedingt durch das Auftreten neuer technischer Inhalte und
Anwendungen, die keine unmittelbare Berührung zur Mathematik besitzen.
Das
gute Verhältnis zur Fakultät für Mathematik und zu den
anderen Fakultäten hat
dies nicht belastet, vielmehr wurde eine eigenständige Kooperation
mit anderen Fakultäten ermöglicht.
Intensive Zusammenarbeit findet mit der Informatikindustrie statt. Dies
zeigt sich in einer Vielfalt von Projekten, begonnen bei Studentenprojekten
zur Durchführung von Praktika und Diplomarbeiten bis hin zu
umfangreichen Forschungsprojekten.
Forum Informatik
Der Begegnung von Wissenschaftlern und Praktikern, in deren Fachgebiet
Informatik als Hilfswissenschaft eine größere oder kleinere
Rolle spielt, dient das 1993 eingerichtete Forum Informatik. Ziel
ist eine Intensivierung der Kooperation in Forschung und Lehre sowie eine
Abstimmung bei Infrastrukturmaßnahmen.
Friedrich L. Bauer
Wilfried.Brauer@informatik.tu-muenchen.de
Eike.Jessen@informatik.tu-muenchen.de
Manfred.Broy@informatik.tu-muenchen.de
Copyright © 1998 Institut für Informatik, Technische Universität
München
Alexander.Bock@informatik.tu-muenchen.de
Erstellt: 1998-4-21
Letzte Änderung: 2001-8-27