Die Frage, was Informatik heißt, dürfte vorstehend für die Münchner Situation erschöpfend abgehandelt sein. Die Antwort auf die Frage, was Informatik ist, ergibt sich aus den wissenschaftlichen und praktischen Aktivitäten ihrer Vertreter.
Eine Liste der Namen von Rang und eine Systematisierung der weltweiten
Aktivitäten können wir hier nicht geben und beschränken
uns stattdessen, dem Zweck dieser Broschüre entsprechend, auf eine
generalisierende Zusammenschau.
Informatik 1995
An den Anfängen wurde Informationsverarbeitung mit den Elementen
Überdies spielten Fragen der Speicherung sowohl praktisch
wie theoretisch
eine größere Rolle, als es in den Ansätzen von Zuse
und auch von von Neumann vorgesehen war. Fragen
des effizienten Speicherzugriffs bekamen dadurch eine große Bedeutung.
Daß die heutige Verfügbarkeit riesengroßer homogener Speicher
diese Probleme in den Hintergrund treten läßt, zeigt die
Zeitabhängigkeit einer Charakterisierung der Informatik.
Von 1967 bis 1995 vollzog sich eine Verfeinerung und Ausweitung der ursprünglichen Ansätze. Die ursprüngliche Einengung auf Codierung durch 'Folgen von Zeichen' entsprach ganz den Vorstellungen der damaligen Zeit, die sich mit folgenartigen Formalsprachen beschäftigte. Inzwischen sind komplexere Strukturen gang und gäbe; Objektstrukturen und Operationsstrukturen können in abstrakten Beschreibungen ineinander verwoben sein.
Ferner wurde nicht länger stillschweigend angenommen, daß
die Operationen
eineindeutig umkehrbar (injektiv) zu sein hatten. Sie brauchten nicht
einmal total definiert zu sein, auch nicht immer das gleiche Ergebnis liefern.
Operation wird damit zur Relation im allgemeinsten Sinn,
mit dem Ergebnis, daß neben Leibniz auch Ernst Schröder
(1841-1902), der Begründer der Relationentheorie, zu den Urvätern
der Informatik zu zählen ist.
Eine andere Kritik hat sich am Begriff Ablauf durchgesetzt. Dieser
war einmal,
dem klassischen Maschinendenken folgend, als streng sequentielle Abfolge
gemeint - was lokale getaktete Parallelisierung, etwa in einem
Parallel-Addierer, nicht ausschloß. Seit dem Durchbruch in
den späten sechziger und frühen siebziger Jahren der Ansätze
von Carl Adam Petri einerseits, seit E. W. Dijkstras mutual
exclusion (1965) und den Arbeiten von
Robin Milner und C. A. R. Hoare in den siebziger Jahren
andererseits, hat Nebenläufigkeit Eingang in die Rechnerarchitektur
und in die Programmierung gefunden.
Computer werden in der Regel nicht mehr als Einzelgeräte betrieben, sondern sind (weltweit) mit vielen anderen Computern und weiteren Geräten vernetzt - Kommunikationstechnik ist zu einem unabdingbaren Bestandteil der Computertechnik geworden.
Im Bemühen, den Zugang für den Nutzer zu erleichtern, hat
die Informatik
verstärkt die Aufgabe der anschaulichen Darstellung (Visualisierung)
behandelt und anspruchsvolle multimediale Anwendungen erschlossen: Die
Mensch-Maschine-Interaktion ist wesentlich reichhaltiger geworden,
bildhafte
und natürlichsprachige Ein- und Ausgabe wird zunehmend verwendet,
verschiedenartige Kommunikationsgeräte wachsen mehr und mehr zu
einem
einzigen multifunktionalen Gerät zusammen.
Anwendungsprogramme zu schreiben oder Anwendungssysteme mit Hilfe von
Software-Werkzeugen zu erstellen, ist somit viel einfacher geworden. Zur
Entwicklung vieler solcher immer ausgefeilterer und differenzierterer
Werkzeuge für gelegentliche und ständige Benutzer hat sich ein
wirtschaftlich blühendes Berufsfeld für Informatiker herausgebildet.
Was ist Informatik 2012?
Reizvoll ist es zu spekulieren wie die Antwort in etwa 15
Jahren, im Jahr
2012, lauten könnte.
Sicherlich hat sich dann der Trend zur Vernetzung und Integration der
Informationsverarbeitungsaufgabe weiter fortgesetzt. Zu erwarten ist,
daß sich dies in den Konzepten der Informatik zur Modellierung und
Realisierung deutlich niederschlägt. Im Vordergrund stehen dann sicher
Begriffe wie Kooperation und Verteiltheit. Es ist abzusehen, daß
die heute bereits realisierten Anwendungen, die noch weitgehend mit den
Sprachen und Methoden sequentieller, zentral organisierter Systeme realisiert
sind, dann mit angemessenen, fortgeschrittenen programmiersprachlich basierten
methodischen Mitteln entwickelt werden.
Ein weiter Bogen
War also im 19. Jahrhundert ein Computer nicht mehr als
Wo endet die Tragweite der Informatik?
Schon zu Beginn der Entwicklung der Informatik war offensichtlich, daß
der
Computer endlich und beschränkt ist. Da das
in der Praxis oft nicht bemerkt und die Theorie von dieser Binsenweisheit
nicht immer Nutzen ziehen konnte, wurde sie später fast vergessen.
Sie ist aber weiterhin von größter Bedeutung. Echt transfinite
Theorien sind für die Informatik belanglos, lediglich der (nicht-finitäre)
Rand des Reichs finitärer Theorien ist direkt nützlich.
Damit liegen viele aufregende Ergebnisse der Reinen Mathematik für
den Informatiker außerhalb des eigentlichen Interesses; einer der
Gründe dafür, daß Mathematik und Informatik getrennte Wege
gehen.
Es gibt einschlägige mathematische Aussagen über die Grenzen
maschineller
Berechenbarkeit. Was Computer innerhalb dieser Grenzen können,
wenn man Zeit und Speicherplatz beschränkt, ist sehr viel schwieriger
zu beantworten; es ist Gegenstand der Komplexitäts- und Algorithmentheorie,
die heute eine interessante Facette der Theoretischen Informatik ist.
Die Informatik muß sich jedenfalls zu ihrer Selbstfindung auch
weiterhin mit
der Frage auseinandersetzen, was nach dem jeweiligen Stand der Entwicklung
ein Computer genannt werden soll. Das richtungsweisende Beispiel
des
interaktiven Gebrauchs eines Netzwerks von Computern fügt
dem etablierten
Begriff der Berechenbarkeit neue Aspekte hinzu.
Friedrich L. Bauer
Wilfried.Brauer@informatik.tu-muenchen.de
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Copyright © 1998 Institut für Informatik, Technische Universität
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Erstellt: 1998-4-21
Letzte Änderung: 1998-5-19