4. Herausforderungen an die Informatik
Daß die Informatik sich als Wissenschaft erfolgreich entwickelt
hat, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie in manchen
Fragestellungen nur langsam Fortschritte erzielt. Dabei handelt es sich
vielfach um Fragestellungen großer grundsätzlicher oder
technischer Bedeutung. Einerseits erlaubt unser Stand an
Informatik-Wissen oft nicht, bereits vorhandene oder sich
abzeichnende
technologische Möglichkeiten auszubeuten. Andererseits sind
den Informatikern viele Probleme der Anwendungen bekannt, für
die inzwischen
gute informatische Lösungen gefunden sind, ohne daß
die Überführung in die
Praxis gelingt. Schließlich weisen Anwender
immer wieder nach, daß im
Prinzip anwendbare informatische Lösungen den praktischen
Bedürfnissen nicht genügen und verbessert werden müssen.
Ein erfolgreiches Vorankommen wird für die Informatiker nur
möglich sein durch enge Kooperation untereinander. Dasselbe gilt
für die Anwender des Informatikwissens in allen Bereichen;
die Technologen und Informatiker werden einander nötig haben.
Im folgenden werden einige der Herausforderungen an die Informatik betrachtet.
Unter ihnen sind viele, an deren Bewältigung seit Jahrzehnten intensiv
gearbeitet wird. Viele liegen den Projekten zugrunde, die an den
Forschungs-
und Lehreinheiten der Fakultät für Informatik betrieben werden.
Die grundsätzliche Herausforderung an die Informatik (wie an jede
technische Wissenschaft) ist, nach vorgegebenen Spezifikationen ein
technisches System zu konstruieren. Sehr oft stellt bereits die exakte
Formulierung der
Anforderungen eine große Hürde dar. Die Grenze der
noch beherrschbaren Systeme ist von den Informatikern langsam zu immer
komplexeren Systemen verschoben worden. Es ist absehbar, daß wachsende
Wünsche eine weitere Verbesserung der Entwurfstechnik erforderlich
machen. Wegen der Bedeutung
informationsverarbeitender Vorgänge in allen technischen
Systemen haben Verbesserungen in diesem Bereich Auswirkungen auf
alle Ingenieurwissenschaften.
Die Verbesserung der Entwurfstechnik wird von vielen Seiten, zum Beispiel durch die Entwicklung von Sprachen und Werkzeugen, angegangen; notwendig ist aber auch eine bessere Einsicht in das Verhalten des Menschen als Entwerfer und ebenso in das der Gruppe, die beim Entwurf eines Systems zusammenwirkt.
In vielen Anwendungen ist es erforderlich, daß das System und
die in ihm
ablaufenden Vorgänge gegen unbefugte Manipulation gesichert sind.
Das
kann heißen, daß jeder Eingriff in das System zwangsläufig
registriert
wird. In anderen Fällen ist gerade zu fordern, daß Personen
das System benutzen können, ohne daß dieses Dritten offenbar
wird. Zwar sind Verfahren, mit denen solche Anforderungen erfüllt
werden können, seit einiger Zeit bekannt, ihr Zusammenwirken bei der
Sicherung großer Systeme stellt eine erhebliche Herausforderung dar.
Grundlegende Forderung ist, daß einem System keine - oder zumindest
keine
unerkannten - Fehler unterlaufen. Kein technisches System kann diese
Forderung vollständig erfüllen. Die Umgebung vor den Folgen technischer
Fehler zu schützen, ist eine ganz selbstverständliche Forderung
an solche technische Systeme, in denen der Rechner auf die Umgebung wirkende
Steuerfunktionen übernimmt. Viel weniger verstanden und trotzdem
bedeutsamer ist die Abwendung von Schaden von unserer rechtlichen,
wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Ordnung durch
den massenhaften Einsatz von Rechnern. Zu wenig verstanden
sind auch die Einwirkungen, die der Rechnereinsatz auf das Denk-
und Kommunikationsverhalten von einzelnen Personen und Gruppen hat.
Eine weitere Herausforderung für die Informatik ist die Mitwirkung
von Laien bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen und von Arbeitsverfahren,
die sich auf Rechner stützen. Aus technologischen Zwängen
haben wir uns über Jahrzehnte
daran gewöhnt, daß der Mensch der Bediener des Rechners
ist. Wir haben aber
nicht gelernt, wie Laien sich ihren Umgang mit dem Rechner so
gestalten können, daß er ihren Bedürfnissen entspricht.
Die beiden letzten Jahrzehnte haben die Technik des Umgehens mit Rechnern weitgehend verändert. An die Stelle des starren Austausches von Texten ist interaktives, graphisches Arbeiten getreten. Aber noch immer wird das äußere Bild der Rechner von Tastaturen und Bildschirmen geprägt, die als Mittel der Eingabe und Ausgabe nicht angemessen sind. Rechner, die sich den Anforderungen der Benutzer anpassen, müssen eher wie aktive Schreib- und Zeichentafeln handhabbar sein und Bilder und Texte wie auch Sprache ein- und ausgeben. Obwohl Techniken dafür seit längerem bekannt sind , sind sie noch weit von Perfektion entfernt, und angemessene informatische Interaktionstechniken fehlen noch. "Multimediale" Informationsdarstellungen sind inzwischen schon auf billigen Rechnern zu finden. Dabei werden zunächst einzelne Ausgabetechniken, die sich an anderer Stelle bewährt haben, wie Textausgabe, Audio- oder Video-Wiedergabe, lediglich miteinander kombiniert. Die Entwicklung von wirklich angemessenen Techniken für Informationsdarstellung auf Kommunikationskanälen wird sich wohl von den überkommenen Formen weitgehend ablösen, die Entwicklung neuer Formen der Interaktion zwischen dem Menschen und dem technischen System stellt eine besondere Herausforderung dar.
Eine zusätzliche Herausforderung stellt sich durch die wachsende
Frequenzbandbreite der technischen Kommunikation. In den kommenden
Jahrzehnten wird durch den vermehrten Einsatz von Glasfaserkabeln und
Satelliten die bestehende Grenze überwunden.
Erst seit etwa zwanzig Jahren haben wir uns davon losgemacht, daß
Rechner vorbereiteten Programmen folgen, die für jede Variante des
möglichen Verlaufs den Gang der Lösung konkret beschreiben. Mit
der Einführung von wissensgestützten Verfahren ist es in einem
gewissen Umfang gelungen, das zur Lösung erforderliche Sachwissen
in geeigneter Form im Rechner darzustellen und daraus durch ein allgemeines
Problemlösungsverfahren - oft über eine lange Kette von Schlußfolgerungen
- lösende Programme finden zu lassen. Unsere Techniken der Wissensdarstellung
und der Schlußfolgerung sind zwar prinzipiell
mächtig, aber offenbar für viele Sachgebiete praktisch unzureichend.
Insbesondere gilt das auch für unsicheres und für zeitabhängiges
Wissen.
Wahrscheinlich wird die Informatik mit einem ganzen Spektrum von verschiedenartigen
Techniken der Wissensdarstellung und der Schlußfolgerung leben müssen.
Zwischen diesen Techniken müssen Übergänge entwickelt werden.
Die Akquisition des erforderlichen Wissens wird heute in Ansätzen
automatisch geleistet. Diese Verfahren müssen beträchtlich ausgebaut
werden, und es muß gelernt werden, wie man aus dem konkreten Wissen
wirksame Abstraktionen und Modelle aufbaut.
Seit Jahrzehnten bemühen sich Informatiker, Nebenläufigkeit
und Verteilung, zwei grundlegende Freiheitsgrade im Entwurf von informationsverarbeitenden
Systemen, besser zu verstehen und technisch nutzbar zu machen. Die
technologischen Voraussetzungen dafür sind durch die Mikroelektronik,
die billige und zuverlässige Prozessorbausteine liefert, und durch
die Breitbandkommunikation außerordentlich günstig geworden.
Trotzdem läßt sich aus dem langsamen Voranschreiten ablesen,
daß die Bewältigung dieser
Freiheitsgrade noch über Jahrzehnte eine Herausforderung darstellen
wird.
Dabei fehlt es insbesondere an globalen Konzepten der Arbeitsteilung
und Kooperation in Systemen, die aus vielen, weitgehend autonomen Aktoren
bestehen. Während die Zerlegung der Systemfunktion in Hinblick
auf die
Nebenläufigkeit und Verteilung heute ein wesentlicher Schritt
des
Systementwurfs ist, sind Systeme aus weitgehend autonomen Aktoren denkbar,
die sich in wettbewerblicher Weise für die gemeinschaftliche Erbringung
der Systemfunktion organisieren.
Um etwa 1980 wurde die Idee offener Systeme geboren. Diese entstehen
durch Bausteine, die in ihrem Verhalten nach außen konsistenten Konzepten
folgen und damit bei der Konstruktion des Systems freizügig miteinander
kombinierbar sind. Von größter wirtschaftlicher Tragweite
ist, daß die offenen Systeme die
Emanzipation aus der Abhängigkeit von einzelnen Herstellern
versprechen. Die praktische Nutzung dieses Ansatzes ist immer noch schwierig
und verlangt in vielen Fällen zu viel Informatik-Wissen, um denjenigen
zu nützen, für die dieses Konzept bestimmt ist. Zugleich ist
abzusehen, daß sich die Konventionen offener Systeme verändern
müssen, wenn der informatische Fortschritt nicht durch sie verhindert
werden soll. Damit stellt sich die Interoperabilität von Bausteinen
von informationsverarbeitenden Systemen (mögen sie Geräte oder
Programme
sein) als eine ganz wichtige Herausforderung für die kommenden
Jahrzehnte dar.
Eine weitere Aufgabe der Informatik besteht in der Bewältigung der Speicherung und Wiederauffindung von Information. Die Technologie der magnetischen und optischen Speicher erlaubt bereits heute, die Informationsvorräte, auf die wir privat oder im Beruf zurückgreifen, außerordentlich kompakt und sicher zu speichern. Indem diese Information der maschinellen Verarbeitung zugänglich gemacht wird, bieten sich neuartige Verfahren der Wiederauffindung an, die es uns allein möglich machen werden, die oft erdrückend anmutende Informationsflut zu unserem Nutzen einzusetzen.
Als letzte Herausforderung, vielleicht zunächst weniger auffällig,
sei das Eindringen der Informatik als Arbeitstechnik in andere Wissenschaften
betrachtet. Dabei ist nicht so sehr an das inzwischen allgegenwärtige
Aufsetzen von Texten mit Hilfe des Rechners gedacht, sondern an elementare
Techniken des menschlichen Geistes, die zwar lange bekannt, aus zwingenden
praktischen Begrenzungen jedoch nur sparsam für Computer einsetzbar
gewesen sind. Hierzu gehören Gedankenexperimente, also Simulation,
die es erlaubt, im Experiment auf dem Rechner das Verhalten beliebiger
fiktiver oder realer Systeme zu erkunden. Das Verhalten kann wie ein Film
visualisiert werden, kann die Phantasie anstoßen, kann Folgerungen
oder Variationen des Experimentes
nahelegen. In diesem Zusammenhang wird das automatische Beweisen von
Theoremen ein Hilfsmittel sein, Hypothesen zu verifizieren oder zu
falsifizieren. Recherchen in einer Wissensbasis lassen die gewünschten
Sachverhalte womöglich aufklären.
Derartige Techniken werden Wissenschaften verändern, wie
das in einigen
Fällen bereits geschehen ist. Es wird dabei wichtig sein,
auch das intuitive
Denken zu unterstützen, wenn nicht der Rechnereinsatz zur Verarmung
statt
zur Bereicherung führen soll.
Friedrich L. Bauer
Wilfried.Brauer@informatik.tu-muenchen.de
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Copyright © 1998 Institut für Informatik, Technische Universität
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Erstellt: 1998-4-21
Letzte Änderung: 1998-5-19