Informatik in der Schule
Nicht nur die Resultate der Forschung und Entwicklung und die Anforderungen der Praxis beeinflussen Form und Inhalt der Ausbildung an der Universität, sondern auch die Kenntnisse sowie die Einstellungen und Haltungen, die die Studienanfänger aus der Schulzeit mitbringen.
Die Situation für die Informatik ist an unseren Schulen ausgesprochen
schlecht und unbefriedigend, eigentlicher Informatikunterricht ist nur
relativ wenigen
Schülern der Sekundarstufe II zugänglich (wobei auch
ein Mangel an geeigneten Lehrern besteht). Dieser Mangel wird nun dadurch
kaschiert, daß in der Sekundarstufe I eine "Informationstechnische
Grundbildung" verabreicht wird. Zu Recht getraut man sich nicht,
dafür den anspruchsvollen Namen Informatik zu
verwenden, verdrängt damit aber auch den Begriff Informatik und
verhindert die Herausbildung eines einheitlichen Profils dieses Faches
in der Schule und damit in der Bevölkerung; man verführt
so zu der Meinung, daß dieses neue und geheimnisvolle Fach
reduziert werden kann auf die Bedienung und Benutzung von Geräten
und das Diskutieren über Anwendungsmöglichkeiten und -risiken.
Informatik ist jedoch für unsere heutige und künftige Zivilisation so wichtig, daß sie ein Schulfach wie etwa die Physik sein sollte - von der auch an der Schule nur eine Grundbildung vermittelt wird, ohne daß das explizit einschränkend betont wird.
Die Situation der Informatikausbildung an den Gymnasien läßt
sich aufgrund der
nicht beeinflußbaren Rahmenbedingungen nur langsam verbessern.
An der
Fakultät für Informatik wird - beginnend mit dem Wintersemester
1995/96
- Informatik neben zwei Fächern als drittes vertieft zu
studierendes Fach
angeboten. Damit ist ein wichtiger Schritt in die bessere Qualifizierung
des Lehrpersonals an Gymnasien vollzogen.
Die Ausbildung an den Universitäten
Eine vorrangige Aufgabe der Universitäten ist es, Informatiker
für eine
Berufstätigkeit in der Wirtschaft auszubilden. Was
den zahlenmäßigen Bedarf hierfür anbetrifft, geben ihn
die Prognosen der letzten Jahre recht übereinstimmend mit derzeit
etwa 30.000 insgesamt an; mittelfristig ist mit ebensoviel
Informatikern wie Elektrotechnikern, d. h mit 100.000 bis 120.000
insgesamt zu rechnen. Da Fachhochschulen und Universitäten zur
Zeit noch bei weitem zu wenig Absolventen des Hauptfaches Informatik
aufweisen (jeweils weniger als 1.500 pro Jahr), werden derzeit auf Informatikstellen
ersatzweise auch Bindestrich- und Nebenfachinformatiker eingesetzt,
sowie in nicht geringem Umfang auch Physiker. Das ändert sich sofort
bei Verringerung der Nachfragelücke. Langfristig werden diese Fachkräfte
in ihren eigenen Arbeitsgebieten voll gebraucht werden und den Informatikern
weder Konkurrenz machen noch für sie einspringen. Die Hauptfach-Kapazität
in Informatik ist also nach wie vor erforderlich.
Was die inhaltlichen Anforderungen aus der Praxis an ein Studium der
Informatik anbetrifft, ist es nicht einfach, verläßliche, insbesondere
widerspruchsfreie Informationen zu erhalten. Aus der Literatur, aus
Äußerungen von Verantwortlichen in der Wirtschaft, insbesondere in
den Personalabteilungen, aus persönlichen Erfahrungen in der Zusammenarbeit
mit Firmen und aus der Kenntnis des Berufswegs unserer Studenten ergibt
sich jedoch ein klarer Trend: Es werden diejenigen Informatiker eine
Zukunft haben, die eine breite, grundlagenorientierte Ausbildung erhalten
haben, in der aber auch großer Wert auf die Vermittlung ingenieurmäßiger
Vorgehens- und Verhaltensweisen gelegt wird. Es wird, zumindest von den
Absolventen der Universität, weniger erwartet, daß sie die jeweils
neuesten Software- und Hardwareprodukte kennen oder daß sie einen
großen Teil ihrer Studienzeit mit Programmieraufgaben verbracht haben,
sondern eher, "daß sie in der Lage sind, ingenieurmäßig
Methoden und Techniken zur verläßlichen Konstruktion großer
benutzerorientierter Systeme anzuwenden, sich schnell in neue Problemstellungen,
auch auf bisher fremden Gebieten, einzuarbeiten und durch selbständige
Weiterbildung den Anschluß an die Entwicklung des Faches zu halten."
Zu bedenken ist auch die Anregung von D. L. Parnas, Studenten in
Kooperationsprojekten der Institute mit Firmen konkrete Erfahrungen gewinnen
zu lassen, statt sie in wilden Jobs, die auch oft zur Verlängerung
der Studiendauer führen, sich selbst zu überlassen.
Zunehmend größere Bedeutung bekommt auch die soziale Kompetenz
des
Informatikers im Berufsalltag. Um dem Rechnung zu tragen, wurden in
das
Informatik-Studium geeignete Veranstaltungen aufgenommen.
Friedrich L. Bauer
Wilfried.Brauer@informatik.tu-muenchen.de
Eike.Jessen@informatik.tu-muenchen.de
Manfred.Broy@informatik.tu-muenchen.de
Copyright © 1998 Institut für Informatik, Technische Universität
München
Alexander.Bock@informatik.tu-muenchen.de
Erstellt: 1998-4-21
Letzte Änderung: 1998-5-19